Die Harburger Anzeigen und Nachrichten haben ihre Internetseite han-online.de einer Art Frischzellenkur unterzogen. Redaktionelle Beiträge aus der Print-Ausgabe sind nun auch bebildert im Internet zu finden. Das sieht ganz gefällig aus und ist ein riesiger Fortschritt gegenüber der textlastigen Vorgängerversion, die schon arg in Richtung Web 0.1 ging.
Allerdings wurde der Weg der Modernisierung m.E. nicht konsequent umgesetzt. Videos? Lediglich Eigenwerbung bei YouTube. Diskussionsangebote oder eine Kommentarfunktion? Nicht vorhanden. Verknüpfung zu Sozialen Netzen? Es gibt einen Twitteraccount @harburger, der jedoch nur sporadisch genutzt wird. Sonst findet der Leser lediglich das Angebot einer Online-Umfrage, die sich mit einem mehr oder minder aktuellen Thema befasst. Derzeit will man wissen, ob Politiker einen guten Job machen. Nun ja, ….
Es bleibt zu hoffen, dass dies nur der erste Schritt ist.
Der Wettbewerb steht schon bereit. Neben der etablierten lokalen Plattform die-harburger.de hat sich mit harburg-aktuell.de ein neuer Anbieter etabliert. Andre Zand-Vakili, Polizeireporter für die WELT und verschiedene andere Publikationen, hat mit wirtschaftlicher Unterstützung durch Udo Stein (Architekt, Bauunternehmer, Vorsitzender Arbeitskreis Hamburger Süden der Handelskammer, Vorstand Wirtschaftsverein Hamburger Süden) eine neue News-Plattform geschaffen, die u.a. durch die Society-Berichterstattung von Johannes Jojo Tapken ergänzt wird.
Klarer Erfolgsfaktor ist die Schnelligkeit in der Berichterstattung. Während die Artikel der HAN in der Regel erst nach Erscheinen der Printausgabe freigeschaltet werden, sind aktuelle Ereignisse bei harburg-aktuell.de innerhalb kürzester Zeit im Netz.
Allerdings scheint auch bei den Machern von harburg-aktuell.de die Interaktivität von Netzinhalten zweitrangig zu sein. Es gibt zwar eine Facebookgruppe, deren letzter offizieller Eintrag allerdings vom 29. Juli 2009 stammt, also fast ein Jahr alt ist. Twitter findet sich überhaupt nicht im Angebot.
Stattdessen kann man eine Kommentarfunktion nutzen, die unregistrierten Nutzern alle Möglichkeiten lässt, sich weitestgehend anonym über Politiker, Justiz, Südländer, etc. auszulassen.
Beispielhaft kann hier vielleicht die Entwicklung in den USA sein. Um eine gewisse Diskussionskultur auf ihren Internetplattformen sicherzustellen gehen us-amerikanische Publikationen neue Wege. Die Lokalzeitung “The Sun Chronicle” erwartet eine kostenpflichtige (einmalig 99 Cent) Registrierung, bevor man auf deren Plattform mitdiskutieren kann (siehe taz).
Der ebay-Gründer Pierre Omidyar verlang sogar einen monatlichen Obulus zwischen 99 Cent und 20 Dollar, wenn man auf CivilBeat aktiv werden will, das seinen Standort auf Hawaii hat.
Last but not least gibt es einen weiteren neuen Mitspieler im Harburger Internet. Die Party-Seite harburg-live.de von André Lenthe die in Zusammenarbeit mit Niels Kreller erstellt wurde. Beide kannte man bisher eher aus dem politischen Spektrum, wo sie sich bei der DKP/LINKE (Lenthe) bzw. den Jusos (Kreller) betätigten. Umso überraschender ist der neue Schwerpunkt der beiden, die auch journalistisch u.a. für taz und han aktiv sind.
Auf harburg-live.de sind Kommentare möglich und den obligatorischen Twitteraccount @harburglive gibt es auch. Man darf gespannt sein, ob das Projekt erfolgreich sein wird.
Ein Ärgernis ist weiterhin der Pay Wall der Harburger Rundschau (Regionalausgabe Abendblatt) im Internet. Einen Link erspare ich mir. Ich kann nicht nachvollziehen, nach welchen Kriterien dort Artikel mal lesbar sind und mal nicht. Gesteigert wird das Ganze dadurch, dass es zwar ein Ipad-App von abendblatt.de gibt, aber die Regionalausgaben dort aussen vor bleiben. Wenn sich dahinter eine Marketing-Strategie verbirgt, kann ich sie zumindest nicht verstehen.
Update 20.12 Uhr:
Auf zweite wichtige Alleinstellungsmerkmale von die-harburger.de möchte ich gerne noch hinweisen.
1. Eine funktionierende und vielfältige Community. Dort findet man literarische Perlen genauso wie Ausführungen zur Harburger Geschichte und bleibt auch nicht ohne nachdenkenswerte Kommentare zur Kommunalpolitik.
2. Unser grüner Bundestagsabgeordneter Manuel Sarrazin hat dort sein eigenes Blog in dem er sehr regelmäßig über den Berliner Alltag berichtet.
Wie konnte ich das nur vergessen……
Update 20.07.10:
Am 15.07.10 habe ich diesen Artikel veröffentlicht. Bereits einen Tag zuvor haben die HAN ihre Facebookseite ins Leben gerufen. Geht doch.